Iven Orx und Aaron Vinn waren an der Ausstellung von Mary Bauermeister unter dem Tietel: "EINE BLASSE WÄSCHERIN WÄSCHT ZUR NACHTZEIT BLEICHE TÜCHER" beteiligt.
"Die Krise ist fantastisch"
Mary Bauermeister zeigt eine Installation in der Orangerie
Mary Bauermeister breitet die Arme so aus wie ihre Figuren, die sie mit alten Leintüchern bezogen hat. Über ihr hängt der geflickte Bezug einer Matratze, den sie in Sizilien gefunden hat.
Rheda-Wiedenbrück. Mary Bauermeister wirft nichts weg. "Wer den Krieg erlebt hat, kann das nicht", sagt die 75-Jährige. Aus ihrer Biographie heraus könne sie auch keine Stillleben malen. Die Künstlerin sammelt Steine, Tücher und Äste und arbeitet seit Anfang der 1960er Jahre mit diesen Fundstücken. In der Orangerie zeigt sie nun die Installation "Eine blasse Wäscherin wäscht zur Nachtzeit bleiche Tücher".
Tücher legt sie auch zur Vernissage am Samstag, 10. Oktober, 15 Uhr, auch auf den Wiesen rund um die Orangerie aus. Im Raum hängen an einer Leine Tücher, Kleidung und der Bezug einer alten
Matratze. Den fand Bauermeister im Sommer 1963 auf Sizilien. "Die Leute waren so arm, dass sie jedes Stückchen verwendeten und ihn damit flickten", weist sie auf den Rest einer Hose in dem
gestreiften Stoff.
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Bauermeister kaufte noch mehr Textilien. Sie gab den Frauen 1.000 Lire und ein neues Tuch. Aus geflickten Leinentüchern fertigte sie ein auf dem Kopf hängendes Zelt. In das Leinen sind Zahlen und
Wörter gestickt. Ein weiteres Tuch schmückt ein Fenster. Seine Transparenz und die Flicken erinnern an ein Kirchenfenster.
Gegensätze für die Kunst
Bauermeister erstand auch Tagelöhnerhemdchen, die neben Barockunterröcken hängen. "Das sind Gegensätze, die im Leben nie so eng beisammen zu sehen sind - aber in der Kunst." Für die Künstlerin
hat alles Gebrauchte einen eigenen Charme und eine eigene Ästhetik. Die Fundstücke sind für sie Ausdruck für den Lauf der Dinge.
Auch Steine sammelt sie leidenschaftlich - in allen Urlauben und früher oft zum Leidwesen ihrer Kinder. Aus denen macht sie Türmchen, klebt sie aufeinander. Es geht um die Verknüpfung von groß und winzig. Dabei hilft ihr heute ihre jüngste Tochter. "Meine Hände sind für die Feinheiten mit einer Pinzette zu abgearbeitet."
Die Künstlerin selbst wirkt alles andere als abgearbeitet. Sie erzählt geistreich und intelligent, macht Schwenker in die Philosophie und in die Kunst, guckt auf die Wirtschaft und auf
Steingeister und ist voller Energie. Die spielt für Bauermeister eine wichtige Rolle. Darum hat sie in der Orangerie auch Prismen aufgestellt und Kristalle - als Energieverstärker. Bauermeister
gestaltet Landschaften. Die Orangerie samt Umgebung gefällt ihr. "Das Areal strotzt vor Geschichte, ist geladen mit Naturenergie." Rationalisten, die mit Schamanismus und Esoterik wenig anfangen
können, will sie nicht abschrecken, sondern einladen, sich "ohne Denken auf diese Kräfte einzulassen."
Spiegel als Eingang in eine verkehrte Welt
Kunst soll Freude machen, so Bauermeister. Während andere Künstler die Misere spiegeln, "bin ich eine Utopistin". Das zeigt eine Staffelei, die selbst zum Kunststück wird - "mein Beitrag zum
Sozialismus". Das zeigt auch eine Pyramide aus Spiegeln, die wie ein Eingang in eine verkehrte Welt sind, in ein Utopia. Das zeigt auch ihre neueste Arbeit: Kulturbeutel. Statt darauf zu warten,
selbst Preise zu bekommen, hat sie bunte Beutel mit den Utensilien der Kreativen gefüllt und verleiht sie an zehn Künstler.
Die 75-Jährige meint, dass Künstler etwas im Sozialen bewirken. Sie nennt die Gegenwart eine Zeit der intellektuellen Verkrustungen, die Künstler aufbrechen können. Sie hätten die Gabe, hinzuhören und sich inspirieren zu lassen. Sie könnten Kultur und Menschen retten, die sich noch im Gier-Stadium befinden. "Die Krise ist fantastisch, weil es wieder um menschliche Fähigkeiten geht."
In ihrem Haus in Rösrath lebt die Künstlerin so, wie sie sich die Welt idealerweise vorstellt. Sie pflegt ein offenes Haus und teilt, was sie hat. Dort verwahrt sie ihre Fundstücke, die alle für sie einen Wert haben - und von denen sie einige in die Orangerie mitgebracht hat.
* Die Installation war im November 2009 zu sehen